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Das einfache Café in Armolia, einem der Mastihadörfer auf Chios, liegt noch im Schatten, verschlafene Gestalten in staubigen Hosen saugen an ihren kalten Nescafé Frappees, zwei knapp bekleidete Blondinen auf dem beschwingten Heimweg werden nur kurz in Augenschein genommen. Noch zeigt der Thermometer vergleichsweise kühle achtundzwanzig Gead an, höchste Zeit in die Mastihaplantagen zu fahren. Nikos Rengas parkt seinen Geländewagen in zweiter Spur, ruft seine Bestellung in die kleine Baracke, “Ena Frapee metrio”, kommt auf mich zu, “Martin, ela!”. Wir kennen uns noch nicht, aber um diese Zeit bin ich als einziger Fremder unschwer zu identifizieren. Mit unseren Pappbechern voll kaltem Nescafé bewaffnet steigen wir in seinen Nissan, mein kleiner Mietwagen würde den Weg in die Plantage nicht unbeschadet überstehen. Die an sich gepflegten Feldwege sind von Caterpillarn brutal verbreitert worden, um Schneisen in die Oliven- und Mastihahaine zu schlagen, welche das Feuer aufhalten sollten, das Teile der Insel in der letzten Woche verwüstet hat. Offensichtlich waren die Anstrengungen der vielen Freiwilligen nicht umsonst gewesen, von Nikos´ Bäumen sind nur wenige beschädigt worden, die einzelnen Plantagen liegen verteilt rund um Arvolia.

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Unter den baldachinförmig ausgeschnittenen Mastihabäumen, die eigentlich Pistazienbüsche sind und erst durch jahrzehntelange Kultivierung eine baumartige Form erlangen, macht sich ein gebückter älterer Herr zu schaffen. “Mein Vater”, stellt mich Nikos vor, “ich beneide ihn um seine Energie. Er lebt den Rest des Jahres in einer feinen Eigentumswohnung in Athen, direkt am Meer, könnte sich´s eigentlich gut gehen lassen- aber ihm scheint´s Spass zu machen!” Mit der Behendigkeit eines Eichhörnchens klettert der papa zwischen den Ästen umher, rutscht auf den Knien in die hintersten Winkel, klaubt weisse Klumpen von der Erde. Diese ist auch weiss, mit Kalk bestreut, das Mastihaharz glitzert als gläserne Tränen in der Morgensonne wenn es über Nacht aus den Ästen getropf ist, wenn es einige Tage an der frischen Luft liegt wird es zu einer flachen, milchig weissen `Pita´. Diese landen in einer sorgfältig mit Papier ausgelegten Obststeige, die erste hat der 79-jährige schon gefüllt, während mich Nikos abgeholt hat. Beide haben sie noch bis vor wenigen Jahren andere Jobs gehabt, auch Nikos war nicht das ganze Jahr auf der Insel, war als Ingenieur in einem Stahlbauunternehmen in Athen angestellt. “Die Mastihaernte haben verschiedene Familienmitglieder im Sommerurlaub erledigt, geschnitten geritzt und gepflegt wer halt gerade auf der Insel war.” Aber vor fünf Jahren hat er den Entschluss gefasst, auf die Insel zurück zu ziehen, die Landwirtschaft wieder als Haupterwerb zu betreiben. “Ausser  Mastiha haben wir noch Olivenbäume, mindestens genau so wichtig ist aber der Brennholzhandel- und er macht nicht so viel Arbeit wie die Pflege der Oliven und erst gar der Mastihaplantagen!”  Doch dabei hilft ihm ja gottseidank jetzt der Papa, der nach 32 Arbeitsjahren in eigenen Restaurants in Astoria/Brookliyn die Knochenarbeit zwischen den Ästen als Freizeitvergnügen zu betrachten scheint.

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Nikos ist übrigens nicht der Einzige, der zurückgekehrt ist, immer mehr Söhne und Töchter der Insel kriechen wieder unter die Büsche. Oder öfter eigentlich: die Enkel. Der Mastihaanbau, die Verarbeitung und der Export sind seit hellenistischer Zeit die wichtigste Einkommensquelle der Insel gewesen, die Industrialisierung und die Petrochemie hat deren Bedeutung im letzten Jahrhundert verringert, so dass es für viele Bauern nur noch ein Nebenerwerb war. Doch das hat sich mittlerweile geändert, die Nachfrage ist konstant hoch, pharmazeutische, kosmetische und kulinarische Produzenten schätzen das bekömmliche Naturprodukt ohne jede Nebenwirkung. So bleiben auch die Preise, welche die `Enosi Mastiha Chios´ den Bauern zahlt, auf einem stabilen Niveau. “Bis zu 80 Euro bringt ein Kilo, wenn es 100 Prozent rein ist!” erklärt Miltiadis Sarantidis, Manager dieser bäuerlichen Genossenschaft. “Das erreicht natürlich keiner, aber seit immer mehr unserer Mitglieder wieder ganzjährig auf der Insel leben, haben sie natürlich den ganzen Winter Zeit, um die Tränen und Pitas zu säubern”. Und wieviel Schaden haben die Brände nun wirklich verursacht? “Wir rechnen mit minus 20%, so viel wie bei einem starken Regen während des Sommers, da gibt´s ähnliche Einbussen. Allerdings nur einmalig, diesmal wird es wohl zehn Jahre dauern, bis wir wieder normal produzieren. Für die Enosi selbst gibt es sogar einen positiven Aspekt: wir sind ja verpflichtet, die gesammte Ernte zu kaufen, auch wenn wir noch genug auf Lager haben. Und dazu müssen wir Kredite aufnehmen, was zur Zeit ziemlich kostspielig ist!” Die teilweise katastrophalen Auswirkungen für einzelne Bauern hofft man mit Unterstützungen abfangen zu können, aber zu Lieferengpässen wird es definitiv nicht kommen.

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Auch Vassilis Boura ist glimpflich davon gekommen, nicht ein einziger seiner, zugegeben wenigen, Mastihabäume ist auch nur angesengt. Vassili ist auch einer der Rückkehrer, war bis vor zehn Jahren als Webdesigner höchst erfolgreich in Athen tätig, bis es ihm und seiner Freundin in der Stadt einfach zu ungemütlich wurde. “Wir haben gut verdient, aber keine Lebensqualität mehr gehabt” erklärt er ihre Beweggründe auf die abgelegene Insel seiner Vorfahren zurück zu ziehen. Schnell war die Wohnung in der Stadt verkauft, vom Erlös ein paar Plantagen gekauft und gepachtet- und bekanntschaft mit dem kargen Bauernleben gemacht. Aber weil einem innovativen creativen Griechen das Schneiden, Sammeln und Sortieren halt nicht reicht, hat Vassili nach weitern Wegen gesucht, den Mastihaanbau profitabel zu vermarkten. Schnell war die Brücke zum Agrotourismus gefunden, mit seiner Agentur `Masticulture´ tritt er nun als Vermittler zwischen Besuchern und Bauern auf, bietet ihnen die Möglicjkeit, einander kennen zu lernen. So kann man bei ihm nicht nur geführte Touren zum Thema buchen, sondern auch aktiv an der Ernte und der Weiterverarbeitung teilnehmen.

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Sein Büro hat er im Zentrum von Mesta, einem der malerischen historischen Mastihadörfer. Diese sind als stolze Trutzburgen angelegt, die Genueser haben sie während ihrer herrschaft so ausgebaut, vorgeblich um den Bewohnern Schutz vor Piratenüberfällen zu Gewähren, schliesslich war der Reichtum der Insel legendär. Selbst Kolumbus, der einige Zeit auf Chios verbracht hat, um das Wissen der lokalen Kapitäne zu studieren, hat in seinem Bettelbrief an Königin Isabella von Spanien darauf Bezug genommen, um ihre Gier zu wecken und so an die nötige finanzielle Unterstützung seiner Expeditionen zu gelangen. Selbstverständlich haben die hermetischen Mauern mit ihren wenigen engen Eingängen aber auch einen Nebennutzen, welchen die genuesischen Kaufleute wohl in erster Linie im Auge hatten: kein Futzerl Mastiha gelangte ohne ihre Kontrolle auf den Markt, sie hatten alles unter Kontrolle. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Osmannen, nachdem sie die Kontrolle über die kleinasiatische Küste übernommen hatten, Alles beim Alten liessen, sich mit den reichlich fliessenden Kommissionen beschieden, und den Einheimischen nicht weiter auf die Nerven gingen. So genoss Chios hohe Selbstständigkeit, gedeite und florierte, was man ganz deutlich an den prächtigen Sommerpalais der lokalen Aristokratie auf ihren fruchtbaren Latifundien in Kampos nahe der Hauptstadt deutlich sehen kann. Hohe Mauern aus rotem Stein umgeben ausgedehnte Zitrusplantagen, die Wohn- und Wirtschaftsgebäude zeugen allesamt von Geschmack und Geld, auch wenn die Erhaltung so manche Familie heutzutage  offensichtlich vor gröbere Probleme stellt. Aber wenn, wie im Falle des Archontiko Riziko, so eine Anlage als Gästehaus genutzt wird, bekommt auch der Gast Einblick in den Lebensstil der stolzen chiotischen Herrenhäuser. Und darf sich dafür auch mitverantwortlich fühlen für den Erhalt dieser einzigartigen Kulturlandschaft.

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Vassilli hat, neben dem herrlichen Harz, übrigens noch eine Leidenschaft: die Umwelt und ihren Schutz. Er ist nicht nur im Verein zur Erhaltung der lokalen Fauna aktiv, sondern hat sich auch der Bürgerbewegung angeschlossen, welche die Verbauung der Insel verhindern möchte. Nicht, dass die Gefahr bestünde, dass riesige Hotelanlagen die noch fast unberührten Strände zu zerstören, hier sehen Immobilienentwickler einfach zu wenig Profit. Ganz anders hingegen auf den windigen Bergrücken, dort versprechen Windkraftwerke lohnende Investitionen. Lästiger weise wollen die Einheimischen aber ihre Heimat nicht durch dutzende über hundert Meter hohe Betonpfeiler verschandelt wissen, und leisten hinhaltenden Widerstand. Kaum einer, der sein Land verkaufen möchte, und wenn einer zum Bürgermeister gewählt werden will, so sollte er sich tunlichst dafür stark machen, dass zu den schon existierenden und für die Stromversorgung der Insel mehr als ausreichenden Windrädern im wenig besiedelten Norden noch weitere dazukommen. Vassili zeigt mir eine Landkarte, auf welcher die geplanten Windparks eingezeichnet sind, sie sollen alle auf den Bergen oberhalb der Mastihadörfer errichtet werden. “Ich halte eigentlich nichts von Verschwörungstheorien”, erklärt er fast entschuldigend, während er eine zweite Karte auf dem Tisch ausbreitet. Die ist von der Feuerwehr, er hat als freiwilliger Helfer die letzten Tage geholfen, die Brände unter Kontrolle zu bringen. “Aber wenn man sieht, dass die Feuer immer genau dort gelegt worden sind, wo gebaut werden soll, beginnt man sich doch Fragen zu stellen!”

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