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“Früher war´s einfacher hier”, erklärt mir Hamid. Er meint aber damit nicht jene Zeit, als Touristen sich noch in Scharen nach Tunesien trauten und sogar in seine Oase in den Bergen verirrten, wie ich einfühlsam vermute. Schon auch, aber “als wir noch Schweine hatten, musste man nicht jeden Tag mit der Ziegenherde hinauf auf die kargen Weiden wandern”.
Hamid hat mich erspäht, als ich durch das ausgetrocknete Flusstal wanderte, auf dem Rückweg von der Erkundung der Gegend rund um den kleinen Ort Tamerza, ein prosaisches modernes Dorf von vielleicht fünfzig schlichten Betonhäusern am Rande eines üppigen Palmhains. Vom luxuriösen Tamerza Palace Hotel war ich ein paar Treppen hinuntergestiegen, war einem Hirten begegnet, der seine Herde flussaufwärts trieb, nun ja, jedenfalls bergauf. Am gegenüberliegenden Ufer erkannte man noch die Reste einer offensichtlich längst verlassenen Stadt, die verfallenen Mauern liessen auf ein verzweigtes Netz von Gassen schliessen, in denen vor langer Zeit rege Geschäftigkeit geherrscht haben musste, es sah ein wenig nach einer Kulisse für einen Film über die Zeit Jesu Geburt aus. Am höchsten Punkt des Ortes schien noch ein Gebäude intakt, eine Mosche war offensichtlich mehr schlecht als recht in Schuss gehalten, eine weitere direkt am `Ufer´ wurde wohl regelmässig instand gesetzt.

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Dort begann auch die Vegetation üppiger zu werden, zwischen den vereinzelten Palmen spross Steppengrass, manch Feigenbaum sprengte mit seinen knorrigen Wurzeln die letzten intakten Mauern. Der Verlauf des Flusses, der hier wohl nur nach ausgiebigem Regen fliesst, ist deutlich inmitten des steinigen Bettes als Sandfläche erkenntlich, doch man sieht eindeutig dass er das schon sehr lange nicht mehr gemacht hat. Nichtsdestotrotz finde ich mich unvermittelt inmitten hohen Schilfes, knöcheltief im Schlamm. Von der anderen Seite des verfallenen Dorfes mündet ein zweites Flusstal, genau so trocken wie das erste, doch am Fusse des Hügels sickert da und dort Wasser aus der Erde, bildet kleine Rinnsale, die sich in kleinen Tümpeln treffen, schliesslich zu Bächen vereinen, nur um baldigst wieder gefasst und angezapft zu werden. Ich treffe eine paar bunt gewandete Frauen, die in ebenso bunten Plastikgefässen Trinkwasser nach Hause tragen, offensichtlich entspringt irgendwo jenseits des Flusses unter den schroffen rötlichen Felswänden eine besonders sauber Quelle, am Bächlein laben sich derweil einige Schafe. Sobald die Frauen meine Kamera sehen, tun sie höflich kund, nicht photographiert werden zu wollen, als ich ihnen erkläre, ohnehin nur die Tiere ablichten zu wollen scheinen sie mir aber doch ein wenig enttäuscht zu sein, wenigstens von den Kindern könnte ich doch ein paar Aufnahmen machen.
Die sind gar nicht abgeneigt, im Gegensatz zu den Schafen, die in den dichten Palmenhain verschwinden, wo auch ihr Eigentümer schon im Schatten wartet.

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Viel zu warm wäre es, erklärt er mir, erst in einwandfreiem Französisch und, als er feststellt dass ich dieses Idiom nur unzureichend spreche in passablem Englisch, und erkundigt sich nach meiner Herkunft. Dann möchte er von mir wissen, wieviel in Österreich ein Schaf wert sei, nein, nicht per Kilo, was ich für ein ganzes Tier zahlen würde interessiert ihn. Mit dieser Information kann ich leider nicht dienen, doch weiss ich jetzt, dass so ein dralles Schaf in Tunesien dreihundert Dinar bringt, eine der kleinen Ziegen immerhin hundertsiebzig. Von denen hat er nur einige wenige dabei, die muss man permanent im Auge behalten plaudert er aus der Hirtenschule, damit sie nicht all die jungen Triebe mitsamt der Wurzel ausrupfen. Dafür gehören die knallorangen reifen Datteln nur ihnen, die am Boden vor sich hin gären, die schmecken sonst nämlich niemandem mehr, ganz im Gegensatz zum nächste Woche zu erntenden picksüßen Palmsaft.

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Durch die Hauptstrasse des in Mittagsruhe gefallenen Ortes komme ich zum zentralen Kreisverkehr, drei junge Männer zielen mit einem Luftdruckgewehr auf ein als Erinnerung an die schlechte alte Zeit zurückgebliebes Plakat von welchem huldvoll das Antlitz des vor zwei Jahren abservierten Präsidenten Ben Ali lächelt, im Schatten der Busstation rasten ein paar Strassenarbeiter, mustern interessiert den einzigen Touristen. Einer fragt, ob er mich ein Stück Weges begleiten darf, dass ich im Palace wohne ist jedem klar, die anderen zwei Hotels haben geschlossen. Er würde gerne wieder mal seine Fremdsprachenkenntnisse aufpolieren erklärt er und stellt sich als Mohamed vor, wir finden rasch zum Italienischen als gemeinsamer Sprache. Lange hat der Mittzwanziger im Tourismus gearbeitet, Motorradfahrer aus Europa durch die Gegend begleitet, aber momentan ist nicht viel los. Seit fast drei Jahren versucht er ein Visum für Italien zu bekommen, kann eine Arbeitsbestätigung und ausreichend finanzielle Mittel vorlegen, doch die zuständige Dame am Konsulat in Tunis erfindet ständig neue Hürden. “Letztens hat sie mich gefragt, ob ich nicht gut genug französisch könne, weil ich mit ihr immer italienisch spreche!” Und das kann er wirklich gut, klingt wie ein Radiosprecher. Eine ehemalige Klientin, wohlhabend aber schon gebrechlich, würde ihn gerne in Genua als `Domestico´ beschäftigen, hat ihm auch einen Rechtsanwalt in Italien organisiert, tutto a posto, nutzt aber alles nichts. “Die Signora sucht schon lange, kann aber niemanden finden, der sich um sie kümmert, und mich lassen sie nicht kommen. Die Menschen sind dumm…”

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Hamid hat mich sofort auf Deutsch angesprochen, im Dorf weiss man mittlerweile schon, woher die Neuankömmlinge stammen. “Gehören Sie zu der Gruppe, die den Esel sucht?” Klar, so was macht schnell die Runde. Ich sollte für eine befreundete Photographin, welche im Hotel Modephotos schiesst so ein Tier als Accessoire auftreiben, auch unser Fahrer war schon aktiv, doch das einzige Tragtier im Ort ist heute leider nicht aufzufinden. Wir stehen vor der Moschee, Hamid deutet hinauf zu den Resten des Ortes und fragt mich, ob ich schon beim Marabou war. Schwer zu sagen, kenne unter diesem Namen nur einen Vogel, und so einer ist mir gestern bei meinem kurzen ersten Besuch nicht ins Auge gestochen. Während wir langsam hoch wandern erklärt er mir, der Marabou sei ein heiliger Mann und ein Heiler gewesen, und hier im Ort begraben. Im Labyrinth der verfallenen Häuser stehen wir plötzlich vor einem der wenigen intakten Häuser, durch eine niedrige Tür treten wir ein, die massiven Dachbalken ruhen auf kleinen weissen Säulen, gekalkte Palmstämme erfahre ich. Das Grab, ein schlichter Steinhaufen, liegt an einem Ende des Raumes, am anderen führt ein gemauerter Torbogen in eine Art Andachtsraum, die Kuppel hat man akribisch aus kleinen hellen Ziegeln wiederaufgebaut. Hamid kennt alle Details des Bauwerks und vom Leben des Heiligen Marabou, er hat ihn noch gekannt, schliesslich ist er hier geboren. Das klingt erst mal unglaubwürdig, schaut das Dorf doch eher nach archäologischer Ausgrabung denn nach einer Heimat aus. Skeptisch frage ich Hamid, ob er mir denn dann sein Geburtshaus zeigen könnte. Natürlich meint er, ich solle ihm folgen, und während wir weiter hinauf steigen, ich den atemberaubenden Ausblick auf die im Licht des Sonnenuntergangs funkelnden Bäche und die rotglühenden kahlen Abhänge der umgebenden Berge geniesse, lerne ich seine Biografie und die Geschichte des geheimnisvollen Dorfes kennen. 1963 kam er hier auf die Welt, er deutet dabei auf eine Senke im Boden die von knapp kniehohen Mauerresten umgeben ist. Ungefähr dreitausend Menschen lebten damals im Ort, arbeiteten unten in der Oase, nur im Sommer blieb jeweils die Hälfte tagsüber im Ort, abwechselnd Frauen und Männer, um in einer überdachten Gasse, durch welche dank kluger Anlage immer kühler Wind blies zu plaudern, dösen, essen. Das Dach gibt es wieder, tatsächlich erfüllt es seine Aufgabe blendend, “ja, wir hatten immer Air Condition in unserem Dorf, schon seit Jahrhunderten” stellt Hamid stolz fest, “ganz ohne Strom!” Dabei gab´s den offensichtlich zu seinen Lebzeiten auch schon, die betonierten Schächte und Kabelkanäle waren gerade fertig geworden, als es damals zu regnen begann. Das war 1969, ungefähr um diese Jahreszeit, an sich der übliche Winterregen, schildert er. Allerdings hörte er diesmal nicht so schnell wieder auf, nach einer Woche waren schon die meisten Lehmdächer undicht, nach zwei praktisch alle und die Mauern aus ungebrannten Lehmziegeln hatten sich vollgesogen und lösten sich auf. Schon längst hatte die Bevölkerung begonnen, den Ort zu verlassen, war hinüber ans sicher Ufer gezogen, wieder in Zelte, um so wie ihre Vorfahren vor Jahrhunderten zu leben, bevor sie von Nomaden zu sesshaften Bauern und Handwerkern zu werden. Rechtzeitig hatten sich Alle in Sicherheit gebracht, bevor der mittlerweile zum reissenden Strom angeschwollene Fluss auch noch ein Drittel des Berges weggerissen hatte, auf dem sie so lange in Sicherheit und Wohlstand gelebt hatten. “Innerhalb von drei Wochen war alles weg, was wir unsere Familien in Generationen aufgebaut hatten. Genau so, wie im heiligen Buch die Sintflut beschrieben wird!”

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Nun will er mir aber noch zeigen, wo der Heilige Marabou gelebt hat, mir erscheint diese verfallene Stadt nun endgültig wie ein biblischer Ort. Tatsächlich erscheint mir seine ganz nebenbei gemachte Erklärung nun tatsächlich wie ein Schlüssel zum Verständnis dieses Urmythos, welcher in der Frühgeschichte jeder Zivilisation einmal bemüht wird. Da haben sich Menschen ihre eigene Welt erschaffen, aus der Steppe kommend eine Stadt errichtet, endlich sesshaft geworden konnten sie sich um mehr kümmern, als ums reine Überleben. Irgendwann, nach vielen Generationen, haben die Alten die Geschichte ihrer Herkunft den Jungen erzählt, vielleicht in der Mittagshitze im Schatten der kühlen Gasse oder während des Winters am Lagerfeuer, wie hart das Leben früher war, draussen in der Wüste, und ihre kleine, sichere Stadt war weit und breit die einzig bekannte. Nur ab und zu erzählte einer der tapfersten jungen Männer, er wäre einmal ganz weit weg gewesen, viele Tagesmärsche entfernt, und dort hätte er eine Stadt gesehen, noch grösser und schöner und reicher als die eigene. Aber man weiss ja, was man von diesen Grossmäulern zu halten hat. Doch dann kam der Regen, Tage, Wochen hielt er an, die Spuren der einzigen Zivilisation weit und breit lösten sich auf und schwammen dahin, nur das Nötigste und ein paar Tiere konnte man noch retten, von denen jeweils ein Paar, um eines Tages wieder von Vorne anfangen zu können.
Der Alte, der die Geschichte weitergegeben hat war womöglich ein Marabout, so schreibt sich der Mann nämlich tatsächlich, ein islamischer Volksheiliger, oft auch Gelehrter und Medizinmann, jedenfalls ein Weiser. Vor dessen Haus in Tamerza angekommen staune ich über den erstaunlichen Zustand, die Mauern sind aus Stein und also nicht dem Wasser zum Opfer gefallen. Hamid erklärt mir Stolz die Einrichtung, hier hat er geschlafen, dort hinten steht die riesige Amphore, in der er die Datteln gelagert hatte, welche die Basis seiner Heilmittel waren, unten hat sie ein Loch, aus dem der Honig tropfte. Nun erfahre ich auch, dass dieser nichts mit dem Palmensaft zu tun hat, der wird nämlich demnächst aus den Blütenkolben der männlichen Palmen gewonnen, von denen in der Oase fünfzehntausend stehen, Weibchen gibt´s doppelt so viele. “Ja, den ernten wir dieser Tage. Und in zehn Tagen ist er vergoren, dann wird gefeiert und Alle im Dorf trinken Dattelwein. Den mögen sie gerne, kein Problem, aber den guten echten Wein vergönnen sie uns nicht. Tja, die Menschen sind leider immer ein Bisschen dumm!”

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